Die Anwesenden hätten wohl die berühmte Stecknadel fallen hören können, als Bekeret Gebrehiwet in den Räumlichkeiten der Agentur für Arbeit im Kreis Recklinghausen von seinem bewegenden Schicksal erzählt. Gebannt hören die Anwesenden zu, als der gebürtige Eritreer davon berichtet, wie er nach der Flucht aus seinem Heimatland im Theodor-Fliedner-Heim in Herten-Westerholt Fuß gefasst hat. Der Weg dorthin war lang und beschwerlich. Seine Frau und die vier Kinder musste er zurücklassen, um Arbeit zu finden und ein neues Leben für die Familie in Deutschland aufzubauen. So kam es, dass er seine jüngste Tochter das erste Mal in die Arme nehmen konnte, als diese bereits acht Jahre alt war. Den Kontakt zur Familie hielt er dank Videotelefonie über das Internet. Nachdem Bekeret Gebrehiwet 2018 seinen Aufenthaltstitel bekommen hatte, absolvierte er in der Einrichtung der Diakonie zunächst eine einjährige Ausbildung zum Pflegehelfer und erlernte dabei die deutsche Sprache. Neben seinem Beruf befindet er sich nun seit 2023 in der Ausbildung zur Pflegefachkraft. Der Auszubildende ist mit der Einrichtungsleitung Linda Schreiber zu dem Gespräch erschienen, die sehr zufrieden mit ihrem Mitarbeiter ist.
Es ist wichtig, diese Geschichten aus unserer Region zu erzählen, um der oft abstrakten Debatte über notwendige Zuwanderung, fehlende Fachkräfte und die bestehenden Hürden, um Geflüchtete in Arbeit zu bringen, eine menschliche Dimension hinzuzufügen.
Das Thema Job-Turbo bringt auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Brian Nickholz alle Beteiligten an einen Tisch. Für das Fachgespräch ist eigens die Parlamentarische Staatssekretärin Kerstin Griese, als Vertreterin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, nach Recklinghausen gereist, um zu erfahren, welche Rückmeldungen aus der Praxis es rund ein Jahr nach dem Start des Job-Turbos gibt. Neben der Agentur für Arbeit sind auch Vertreter des Jobcenters des Kreises Recklinghausen, einige Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie Kreistagsmitglieder zugegen, um sich gemeinsam über den sogenannten Job-Turbo auszutauschen.
Das Ziel des Job-Turbos ist es, Geflüchtete schneller, besser und nachhaltiger in stabile Beschäftigungen zu bringen. Durch gezielte Unterstützung der Arbeitgebenden und der Arbeitnehmenden durch die Agentur für Arbeit sowie auch das Jobcenter sollen Fachkräfte gewonnen werden.
Schwierigkeiten werden von den Arbeitgebern vor allem im Bereich der Ausstellung von Dokumenten beziehungsweise der Anerkennung von Dokumenten aus dem Herkunftsland geschildert. So schildert ein Spediteur, dass sich zwar genug arbeitswillige Geflüchtete bei ihm als Berufskraftfahrer bewerben, dass aber die Anerkennung ukrainischer Führerscheine aktuell eine so große Herausforderung darstellt, sodass rund 30 Prozent der LKW seiner Spedition auf dem Hof stehen bleiben müssen.
Alle Anwesenden sind sich ob des Zieles einig. Staatssekretärin Griese betont, dass angesichts dieser offensichtlich für unsere Wirtschaft notwendigen Zuwanderung von Fachkräften, eine Änderung von Einstellungen in unserem Land braucht, um im Zweifel unbürokratischere Lösungen für die Probleme der Arbeitgeber:innen und potenziellen Arbeitnehmer:innen zu finden. Schon heute werden viele neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsverträge von Menschen mit nicht-deutschem Pass abgeschlossen. Hinzu kommt, dass der Job-Turbo sowie die Vermittlungsoffensive gleichzeitig auch dazu beitragen können, Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern und somit öffentliche Haushalte zu entlasten. Die Parlamentarische Staatssekretärin Kerstin Griese bezeichnet dies als Win-Win-Situation.
Welches Potenzial in der guten Zusammenarbeit zwischen Arbeitsagentur, Jobcenter und den Arbeitgebern steckt, zeigt sich bei dieser Veranstaltung. Der Chef der Agentur für Arbeit im Kreis Recklinghausen, Frank Benölken, verspricht eine umgehende Überprüfung der geschilderten Schwierigkeiten und gibt Hinweise für eine konkrete Hilfestellung. Nicht zuletzt könne der Arbeitgeberservice bei solchen Problemen als Schnittstelle und wichtiger Ansprechpartner fungieren, so Frank Benölken.
Davon können dann nicht nur die Arbeitgeber profitieren, sondern auch Menschen wie Bekeret Gebrehiwet, die sich hier ein neues Leben aufbauen können. „Ich fühle mich im Theodor-Fliedner-Haus zu Hause“, betont Gebrehiwet.
Weitere Informationen und Kontaktdaten für den Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit gibt es hier: Agentur für Arbeit Recklinghausen | Bundesagentur für Arbeit